Wer braucht schon Wespen und Würmer

Alle sprechen über einen kranken und verirrten Wal, aber keiner über das allmähliche Sterben von Vögeln, Würmern und Asseln. Die Menschen merken nicht, dass sie nicht nur den Tieren den Lebensraum nehmen, sondern damit auch sich selbst.

Die Singvögel sterben aus und kaum jemand nimmt davon Notiz. Wer braucht schon Vögel, Wiesen und Insekten, wenn er auch Gewerbegebiete haben kann? Die einfache Antwort: Wir Menschen. Das Ökosystem, zu dem wir alle gehören, ist ein großes Netz, in dem jede Art einen Knoten bildet. Es ermöglicht auch unser Leben. Sterben zu viele Arten aus, wird das Netz löchrig und reißt irgendwann.

In den letzten Jahren, im Herbst zur Zeit des Vogelzugs, wird immer sichtbarer wie viel schon verloren ist. Die großen Vogelschwärme, die noch vor 30 Jahren in Deutschland anzutreffen waren, sind fast völlig verschwunden, wie auch die Wiesen, auf denen ganz von selbst bunte Blumen wachsen, die Wildbienen und Schmetterlinge ernähren. Sie sind unter Straßen, Industriebauten und Siedlungen begraben oder zu Grasäckern geworden, die so früh und so oft gemäht werden, dass nichts mehr blüht. Kein Platz mehr für Braunkehlchen und Co. Rachel Carson schrieb vor rund 60 Jahren vom „stummen Frühling“, über das Massensterben von Vögeln durch Pflanzen- und Insektengift. Nun ist es bald soweit. Natürlich hört man Vögel und auch hier und da brummt eine Hummel vorbei, aber jeder der mit sich selbst ehrlich ist weiß, es ist noch nicht lange her, da gab es ein Vogelstimmendurcheinander im Frühling, man hatte bei Spaziergängen in den Rapsfeldern ein buntes Tummeln aller möglicher Insektenarten beobachten können. Vorbei, kaputt.

Jüngere Menschen halten die relative Leere der Landschaften, von Teichen und Flüssen für völlig normal– sie haben ja nie den Reichtum all der Insekten, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische erlebt, den es früher, teilweise noch vor fünfzehn Jahren (vor den Neonicotinioden) gab. Das Phänomen ist in der Wissenschaft als „Shifting Baseline“ bekannt: Es verhindert, dass auffällt, was schon alles fehlt. Natur war in der Menschheitsgeschichte lange im Überfluss vorhanden. Waren die Lebensgrundlagen eines Gebiets ausgebeutet, zogen die Menschen weiter.

Und weiter im Nahrungsnetz:

Ohne Muscheln und Krebse gibt es kein Trinkwasser,

nun aber ist ein Punkt erreicht, an dem die unterschiedlichen Belastungen kulminieren. Und die Zerstörung der Natur geht exponentiell voran – als könnte die Menschheit ohne ihre biologische Umwelt überleben, auf diesem noch immer vielerorts hinreißend schönen Planeten. Doch das ist ein gewaltiger Irrtum. Denn in der Biologie hängt alles mit allem zusammen, und wir Menschen sind mittendrin.

Der Sauerstoff, den wir atmen, stammt von Pflanzen und Mikroorganismen. Andere Mikroorganismen, Pflanzen und Muscheln bereiten das Wasser so auf, dass wir es trinken können. Wälder schützen im Gebirge vor Lawinen und Steinschlag, Korallenriffe und Mangrovenwälder an den Küsten vor der Gewalt der Meere. Beide sind zudem Nahrungsgrundlage von Millionen Menschen.

Leicht vergessen werden die Abfallbeseitiger: Pilze, Würmer, Käfer, Asseln. Sie arbeiten allen organischen „Müll“ auf, zur Grundlage für neues Wachstum – vom Baumstamm über tote Körper bis zu menschlichen und tierischen Ausscheidungen. Ohne fruchtbaren Boden wird Landwirtschaft unmöglich – eine riesige Gefahr für das Überleben der Menschheit.

Selbst wenn es möglich wäre, alle Leistungen des Ökosystems durch technische Prozesse zu ersetzen – es käme sehr viel teurer als vernünftiger Natur- und Umweltschutz.

Und können Menschen überhaupt glücklich sein in einer Umwelt ohne Natur? Es ist mittlerweile erwiesen und unstrittig, dass Natur für Menschen notwendig ist, um psychisch gesund zu bleiben. Durch noch so viel Technik ist die echte Freude nicht zu ersetzen, die man in der Natur empfindet – sei es im Wald, beim Bergsteigen, am Wasser, oder wenn eine Amsel ihr Morgenlied schmettert.

Der Mensch glaubt er kann sich seine natürliche Umwelt „zurecht bauen“ und vergisst dabei, dass es im Ökosystem eine Balance gibt, die nicht kippen darf. Mann kann sich das wie die menschliche Homöostase vorstellen – der ph-Wert des Blutes (7,4), die Temperatur, Elektrolyte, Blutzuckerhaushalt – alles muss andauernd im Gleichgewicht bleiben, sonst stirbt man. Ist man gesund passiert das wie durch Zauberhand einfach von selbst. Bei dem Konzept „Landschaft der Furcht“ wird erkannt, dass wenn es Wölfe in einem Gebiet gibt, die kleinen Bäumchen endlich wieder hochwachsen können, weil das Wild weicht und sich verstecken muss, statt für die Jagd durch Menschen gehegt zu werden. Wölfe haben zurecht mehr Angst vor Menschen als es umgekehrt nötig ist.

Genauso ist der zum Abschuss freigegebene Biber die billigste und beste Renaturierungsmaßnahme für Gewässer. Stattdessen werden Bäume entlang von Flüssen gefällt, damit der böse Biber bloß nicht…. Ja was denn? Tümpel baut in denen Fische laichen können, die in den begradigten schnellfließenden Flüssen keine Chance mehr haben? In denen sich Amphibien wohlfühlen? Die dann wiederum die sich ansiedelnden Libellen und Mücken im Gleichgewicht halten…?

Nimmt man der Natur die Balance, stirbt nicht der Planet, nein, aber die Umwelt in der Menschen überleben können, das Holozän, wird an sein Ende kommen.

Die Kurzsichtigkeit, mit der Gewerbegebiete und Abschusslisten zur „Entnahme“ aus dem Ökosystem ausgewiesen werden, mit der betoniert und abgespritzt wird, sollte uns doch mal zum Nachdenken und Innehalten bringen.

Alle Welt glotzt auf den Wal in der Ostsee, der von all den Aktionen rund um ihn, der sich wahrscheinlich vor lauter Lärm im Meer verirrt hat, vielleicht auch alt und krank ist (man fand ja schon Wale mit Plastikstühlen und Landwirtschaftsfolien im Magen) einfach nur weiter gequält wird, anstatt sich um die Lebewesen in der unmittelbareren Umgebung Gedanken zu machen.

Diese Aufmerksamkeitsverzerrung ist typisch Mensch, man kann auch bei all dem Leid in der Welt nicht an allem Anteil nehmen. Menschlich ist, sich um EINEN Wal zu sorgen, dass gerade mit riesigen Industrieschiffen die Arktis leergefischt und den Walen dort die Nahrung entzogen wird, ist eben wieder zuviel.

Aber Menschen dürfen ja klüger werden und nach erfolgter Erkenntnis Dinge anders machen als bisher. Legen wir also das Helfersyndrom ab und weiten den verzerrten Tunnelblick und fangen ganz simpel mit den kleinen Dingen direkt vor unserer Türe an. Und vielleicht lernen unsere Kinder und deren Kinder dann auch wieder bunte Wiesen mit sich tummelnden Insekten und riesige Vogelschwärme im Herbst kennen.