Ein Viertel der Süßwassertiere ist vom Aussterben bedroht und niemand interessiert sich dafür.
Fast unbemerkt findet ein weiteres gewaltiges Artensterben statt. Es ist höchste Zeit, dass sich die Menschen bewusst machen, wie sehr sie von einer intakten Natur abhängen.
Ein Viertel aller Süßwassertiere ist vom Aussterben bedroht und niemand hat etwas bemerkt. Jetzt ist das Erschrecken groß über das Ergebnis einer internationalen Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift „Nature“. Die Studie zeigt, wie schlecht es um die Biodiversität in den Süßgewässern bestellt ist und zwar quer über das gesamte Artenspektrum hinweg: Fische kämpfen genauso ums Überleben wie Krebse und Insektenlarven.
Warum ist das bislang niemandem aufgefallen? Tiere die unter Wasser und außerhalb der Sicht des Menschen leben, scheinen eben auch nicht interessant zu sein.
Für Reptilien, für Amphibien und natürlich auch für Vögel und Säugetiere gibt es einen Überblick, wie stark diese Tierklassen weltweit bedroht sind. Bei Süßwasserorganismen gab es bislang eine riesige Wissenslücke. Nun hat ein internationales Team untersucht, wie es den Tieren in Flüssen, Seen und anderen Süßgewässern geht. Und das Ergebnis ist erschreckend: Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, das an der Studie beteiligt war, stellte fest, dass fast ein Viertel der Süßwasserorganismen vom Aussterben bedroht ist.
Seltsamerweise hat sich lange Zeit niemand so richtig für das Thema interessiert, so die Wissenschaftler. Und stellen weiter fest, es gebe ein bekanntes Phänomen, dass Tiere, die unter Wasser leben und deshalb für den Menschen weniger sichtbar sind, einfach weniger Aufmerksamkeit bekommen.
Wobei Süßwasser ein äußerst artenreicher und extrem wichtiger Lebensraum ist – und das auch für den Menschen. Zehn Prozent aller bekannten Tierarten im Süßwasser; darunter ein Drittel aller bekannten Wirbeltiere und die Hälfte aller bekannten Fischarten.
Und das obwohl Flüsse, Seen und andere Süßgewässer nur etwa ein Prozent der Erdoberfläche ausmachen. Zum Vergleich: Meere bedecken 70 Prozent. Der Rest ist Festland.
Die Studie nennt es ein dramatisches Signal, dass es den Süßwassertieren so schlecht geht. Dies bedeutet, dass der gesamte Lebensraum schwer geschädigt ist. Wir sind also eifrig dabei, unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Intakte Süßgewässer sind nämlich nicht nur für den Artenschutz wichtig, sondern auch für viele Aspekte, die den Menschen ganz direkt betreffen, wie etwa die Trinkwasserversorgung zum Beispiel und den Schutz vor Überschwemmungen.
Etwas ist grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten.
Für ihre Studie untersuchten die Forschenden fast 24.000 verschiedene Spezies: Fische natürlich, aber auch Süßwassergarnelen und Süßwasserkrabben sowie Libellen, deren Larven im Süßwasser leben. Als Basis diente die Rote Liste der Weltnaturschutzunion.
Um herauszufinden, welche Süßwassertiere besonders stark bedroht sind, analysierte man Daten nach verschiedenen Kriterien, die das Aussterben einer Art wahrscheinlich machen, zum Beispiel also der Rückgang der Anzahl der Individuen und ein kleines Verbreitungsgebiet.
Am stärksten bedroht sind der Studie zufolge die Krebse, bei denen 30 Prozent der untersuchten Arten vom Aussterben bedroht sind. Bei den Süßwasserfischen sind es 26 Prozent und bei den Libellen 16 Prozent.
So erschreckend das Ergebnis ist, die Forscher hatten es angesichts des dramatischen Lebensraumverlusts für Süßwasserorganismen bereits befürchtet: Feuchtgebiete etwa verschwinden der Studie zufolge weltweit dreimal schneller als die ohnehin gefährdeten Wälder. Zwischen 1970 und 2015 gab es einen Schwund von 35 Prozent.
Auch die Qualität der Süßgewässer wird immer schlechter, etwa durch Verschmutzung. Süßgewässer befinden sich in der Regel in Senken, in denen sich nicht nur das Wasser, sondern auch alle möglichen Schadstoffe wie Überreste von Pestiziden und Dünger sammeln, etwa durch Regenwassereintrag und –abfluss.
Auch die Flüsse sind stark geschädigt; nur sehr wenige hätten noch einen natürlichen Verlauf, weil sie etwa für die Schifffahrt begradigt und vertieft worden seien. Ein großes Problem für die Biodiversität sind u.a. auch Wasserkraftwerke. Die Dämme, mit deren Hilfe das Wasser aufgestaut wird, verändern fast immer das komplette lokale Ökosystem und verwandelt ein fließendes Gewässer ein stehendes.
Dazu unterbrechen sie die Wanderung von Fischen wie dem Aal, der aus den Flüssen in seine Laichgewässer in der Sargassosee wandert. Trotz Aufstiegshilfen geraten viele Tiere in die Turbinen und sterben.
Auch Menschen, die es besser wissen müssten, etwa Biologen, die seit Jahrzehnten fleißig Daten sammeln zum Beispiel oder Politiker, die kein Geld für die wichtigen aber wenig prestigeträchtigen Projekte bewilligen, wie etwa das Monitoring von Lebewesen in Flüssen und Seen, bewegen nichts.
Ihnen fehlt fast immer der lange Atem, der für effektiven Artenschutz notwendig wäre.
Auch jetzt, wo endlich bekannt ist, wie schlecht es um die Lebewesen in Flüssen, Seen und Bächen bestellt ist, wird sich nicht absehbar etwas ändern. Denn es scheint ebenfalls in der Natur des Menschen zu liegen, Bedrohungen erst dann ernst zu nehmen, wenn er selbst die Folgen unmittelbar zu spüren bekommt. Das war beim Klimawandel so, der noch immer nicht ernsthaft genug bekämpft wird, obwohl Waldbrände, Dürren und Überschwemmungen an Intensität und Anzahl drastisch zunehmen, Menschenleben fordern und ernsthafte Schäden anrichten. Bei der Biodiversitätskrise wird gerade derselbe Fehler gemacht.
Wie schnell ein Ökosystem zusammenbrechen kann wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, hat das große Fischsterben in der Oder im Sommer 2022 gezeigt: Damals wurden salzhaltige Abwässer in den Fluss geleitet, obwohl dieser aufgrund einer Hitzewelle einen extrem niedrigen Wasserstand hatte. Aufgrund der hohen Salzkonzentration entwickelte sich eine Alge, die normalerweise nur in salzigem Brackwasser vorkommt, produzierte ein Gift und tötete unzählige Fische.
Natürlich werden die meisten Menschen erst einmal nichts zu spüren bekommen, wenn eine Köcherfliege, deren Larven sich im Süßwasser entwickeln, oder ein kleiner Krebs von der Erde verschwinden. Es wäre trotzdem ein fataler Irrtum zu glauben, dass der schlechte Zustand der Süßwassertiere den Menschen egal sein kann.
Schließlich ist wissenschaftlich erwiesen, dass Ökosysteme wie Flüsse und Seen umso stabiler sind, je mehr verschiedene Tiere und Pflanzen darin leben. Mit jedem Lebewesen, das verschwindet, wird das System wackeliger und instabiler. Es ist, als würde man bei einem Flugzeug nach und nach die Schrauben entfernen. Anfangs würde man nichts davon merken, doch irgendwann stürzt man ab.
Klar ist auch, dass abgestürzte Ökosysteme nicht mehr die zahlreichen Funktionen erfüllen können, die sie für alles Leben auf der Erde und auch für den Menschen erfüllen. Flüsse und Seen zum Beispiel befriedigen eins der wichtigsten Grundbedürfnisse: sauberes Trinkwasser. Zudem verhindern intakte Süßgewässer Überschwemmungen und sind wichtig im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels. Sie halten das Wasser in der Landschaft und verhindern so verheerende Dürren.
Es ist höchste Zeit, dass sich die Menschen bewusst machen, wie sehr sie von einer intakten Natur abhängen – und von anderen Spezies, die mit ihnen auf der Erde leben. Beim Artenschwund gilt: Was weg ist, ist weg und kann nicht mehr zurückgeholt werden.
Forscher warnen bereits seit vielen Jahren: 80% der Insekten sind verschwunden, 60% der Feldvögel (übrigens nicht wegen der Windräder, sondern wegen der intensiven Landwirtschaft, wegen des Autoverkehrs und Tod an den Glasfassaden der Hochhäuser). Es interessiert niemanden, im Gegenteil werden diese Erkenntnisse und die Versuche etwas zu unternehmen als “Grüne Ideologie” beschimpft. Bald wird sich dieser altbekannte Spruch, angeblich vom Stamme der Cree angesichts der Bison Ausrottung durch die weißen Siedler bewahrheiten:
„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“
Quellen: One-quarter of freshwater fauna threatened with extinction | Nature