Klimabrief Oktober 2026

Anlässlich der Ereignisse dieses Sommers, der unguten Vorzeichen aus Magdeburg und den Äußerungen unseres Hessischen Ministerpräsidenten habe ich viele Fragen im Kopf. Hier versuche ich sie in einen Zusammenhang zu stellen.

 

Hängen der Super-El Nino 2026 und der Aufstieg des Faschismus eigentlich zusammen?

Und was hat das konkret mit meiner Wetterauer Haustür zu tun?

 

El Nino

El Nino ist ein Klimaphänomen, welches alle zwei bis sieben Jahre auftritt, wenn sich riesige Wassermassen im Ostpazifik vor den Küsten Südamerikas ansammeln. Dieser Strom sorgt für eine stark erhöhte Verdunstung vom Ozean in die Atmosphäre, was das Wetter rund um den Globus beeinflusst. Die Kehrseite El Ninos ist La Nina, die für kühles Wasser im tropischen Pazifik rund um den Äquator sorgt. Beide Phänomene (resultierend aus den Meeresströmungen rund um die gesamte Erde, die sich erwärmen und wieder abkühlen, wieder erwärmen usw) sind verantwortlich für die Wettervariabilitäten unserer Erde.

An den Küsten Südamerikas findet man den Humboldstrom, eine üblicherweise kalte Meereströmung, die mit ihrem Nährstoffreichtum für reichlich Plankton und so für gute Fischgründe sorgt. In El Nino Jahren, wenn das Meer sich erwärmt, versiegen diese Fischgründe, denn die Passatwinde, die sonst immer von Ost nach West wehen, brechen ein und das warme Oberflächenwasser wird nicht mehr weggedrückt, sondern schwappt zurück an die Küsten, was für ein Einbrechen des Humboldstromes sorgt und somit für ein schlechtes Jahr für die Fischer.

Die Fischer dort wussten immer um das Phänomen, das alle paar Jahre sich um Weihnachten herum besonders ausprägt (daher der Name, El Nino ist spanisch für Christkind), konnten sich die Entstehung aber nicht herleiten.

 

Die letzten wirklich starken El Nino-Jahre waren 1982-1983, 1997-1998 und 2015-2016. Dieses Jahr ist wieder ein El Nino Jahr und wenn man weiß, dass El Nino um die Weihnachtszeit am stärksten ist, steht uns noch einiges bevor, vor allem wenn man sich klar macht, dass dieser El Nino bereits auf rekordwarme Meere trifft. Zerstörerische Fluten und bisher nie dagewesene Dürren in Europa spüren wir heute schon. Katastrophale Auswirkungen auf die weltweite Ernährungslage sind zu erwarten.

Während der letzten drei El Nino Ereignisse haben sich globale Wettermuster, also Regen und Trockenheit, Fluten und Dürren bereits beobachtbar stark verschoben.

Da wir uns aber alle auf dieser Erde, auf der alles mit allem zusammenhängt befinden und sie Heimat nennen (nur die Allerwenigsten träumen von einem Ausweichen von der zerstörten Erde auf den Mars) muss uns klar sein, El Nino ist wie einen Stein ins Wasser zu werfen. Auch wenn man nicht direkt vom Stein getroffen wird, so kann man doch die Effekte auch der kleinsten Welle noch spüren.

 

Kapitalismus oder unsere grundgesetzliche Soziale Marktwirtschaft?

Der Zusammenhang zwischen extremer Hitze und dem ausbeuterischen System des Kapitalismus wird in der aktuellen soziologischen, ökonomischen und ökologischen Debatte intensiv untersucht. Er lässt sich im Wesentlichen in zwei Richtungen aufteilen: Kapitalismus als Verursacher der Erderwärmung und Hitze als Bedrohung bzw. Marktfaktor für das Wirtschaftssystem.

Kernpunkte dieses Zusammenhangs sind unter anderem der Wachstumszwang als Ursache der Erderwärmung durch

permanentes Wirtschaftswachstum und Profitmaximierung. Seit der industriellen Revolution treibt die Verbrennung billiger fossiler Energieträger (Kohle, Öl, Gas) die Massenproduktion an. Dieses unendliche Wachstum auf einem endlichen Planeten führt direkt zu den steigenden CO₂-Emissionen und damit zu den globalen Hitzewellen. Unternehmen maximieren Gewinne oft dadurch, dass sie Schäden an der Natur (wie den Ausstoß von Treibhausgasen, Rodung von Wald, Verschmutzung von Wasser etc) nicht selbst bezahlen, sondern der Allgemeinheit aufbürden (Gerne googeln zum Begriff aus den Sechzigern „Die Tragik der Allmende“).

 

Ironischerweise zum Kapitalismus leidet aber der Markt an den ökonomischen Schäden durch die Hitze, die Verschmutzung von Lebensgrundlagen, Verlust der Artenvielfalt. Extreme Hitze ist also längst zu einem spürbaren Risikofaktor für das Kapital selbst geworden: Ab Temperaturen von über 30–35 °C sinkt die menschliche Leistungsfähigkeit drastisch. Arbeitsprozesse (besonders auf dem Bau, in der Industrie oder der Landwirtschaft) verlangsamen sich, was zu massiven Umsatzeinbußen führt. Hitzewellen kosten Volkswirtschaften wie die deutsche jährlich Milliardenbeträge durch Produktionsausfälle und Infrastrukturschäden. Von menschlichem Leid gar nicht zu reden.

Hitze trifft die Gesellschaft nicht gleichmäßig, sondern verstärkt bestehende kapitalistische Klassenunterschiede, also während wohlhabende Bevölkerungsschichten in klimatisierten Räumen leben oder an private Pools ausweichen können, sind Geringverdiener in dicht bebauten Innenstädten oder bei körperlicher Arbeit der Hitze schutzlos ausgeliefert.

 

Faschismus

Der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus wird in den Sozialwissenschaften, insbesondere in Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, als eine Krisenreaktion verstanden: Faschismus tritt demnach als eine „gewaltsame Methode auf, um den Kapitalismus in Zeiten einer schweren Fundamentalkrise wirtschaftlich und gesellschaftlich abzusichern“.

Nach den Analysen von Denkern wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno lässt sich das Verhältnis durch folgende Kernpunkte beschreiben: Erstens Krisenbewältigung des Kapitals: In schweren wirtschaftlichen Krisen (wie der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre oder vielleicht sehen wir das in Teilen auch heute bereits zutreffen) geraten Profitraten und die Akkumulation des Kapitals ins Stocken. Der Faschismus dient in dieser Sichtweise als radikaler Notbehelf, um die Eigentumsverhältnisse und die Macht des Großkapitals durch staatliche Gewalt zu retten. Zweitens Zerschlagung der Arbeiterbewegung (damals in den Zwanzigern, heute wohl eher vielleicht auch das Trommeln gegen alles Linke und vermeintlich Linke, Gruß nach Berlin und „Nachtigall, ick hör dir trapsen“) Um Lohnsenkungen durchzusetzen und die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft zu sichern, werden demokratische Rechte, Gewerkschaften und linke Parteien gewaltsam zerschlagen oder heutzutage durch Springerverlag unter Mithilfe rechter Parteien mit Hetzkampagnen überzogen. Die organisierte Arbeiterschaft als Gegenkraft zum unbeschränkten Profitstreben wird eliminiert, möglicherweise eliminiert sie sich heute auch selbst, denn nie waren Gewerkschaftsmitgliedschaften so niedrig (Aufruf: Hinein in die Gewerkschaften!)

 

Was hat das Alles mit meiner Haustür in der Wetterau zu tun?

Um die Gedanken, die ich hier einfach einmal habe schweifen lassen, rund zu formulieren: Ausbeuterische Systeme sind verantwortlich für Wetterextreme, wenn Wetterphänomene, die natürlicherweise immer wieder auftauchen, weil die Erde als lebendes System sich stets selbst ausgleicht, wie jedes lebende System das eben tut. Wenn dieses lebende System aber bereits schwer krank ist, 7 von 9 Kipppunkten der Erdsysteme sind überschritten, und auf eine bestehende Krankheiten eben noch ein weiterer Stressor stößt, den ein gesundes System eben noch ausgleichen kann, ein krankes aber nicht mehr, dann kann es richtig haarig werden.

 

Beim letzten EL Nino Ereignis waren die Weltmeere noch nicht so überwärmt, sondern haben als CO2-Speicher weiterhin das System Erde mehr oder weniger ausgleichen können. Das geht nun nicht mehr.

 

Zu Krieg überall auf unserer Welt (auch ein riesiger Treiber der Klimakastrophe), kommen abgeholzte Regenwälder, warme Meere, schmelzendes Poleis und damit auch Verlust der ausgleichenden kalt-salzig-warm-weniger salzig Meereströmungen (siehe AMOC, Golf-Strom versiegt) Dürren und Fluten hinzu.

 

Mit solchen Gedanken im Kopf bei meinen Spaziergängen ist mir aufgefallen, wie wenig Tiere man noch draußen sieht. Ich habe Hunde, bin also viel draußen unterwegs. Während es über die Jahre kontinuierlich leiser und stiller wurde draußen, ich schrieb bereits an dieser Stelle darüber zum Thema „intensive Landwirtschaft“, ist es seit diesem Hitzesommer wirklich noch auffälliger. Man sieht keine Hasen, kaum Rehe, hört keine Vögel, außer mal einen hungrigen Raubvogel schreien, der seine einsamen Kreise über der ausgedörrten Landschaft zieht. Dafür habe ich ausgedörrte Tierleichen gefunden. Ohne Wasser, ohne Deckung erwartbar.

Was dieser Sommer, in dem Europa in Großteilen in Flammen stand, dem ohnehin fortschreitenden Artensterben als Beschleuniger hinzugefügt hat, werden Biologen in den kommenden Monaten sicherlich errechnen.

 

Natürlich ist es sehr schwer angesichts all der täglichen negativen Nachrichten nicht den Mut zu verlieren und natürlich ist jeder nur das bekannte „kleine Licht“. Aber ich habe mal von Pfarrer Schütz im Konfirmandenunterricht gelernt, dass „wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern“.

Ich glaube zu den vielen kleinen Dingen könnte gehören, dass wir im Bereich des eigenen Umfelds, also der oben erwähnten Haustür, doch einiges Gute bewirken können. Wir können im eigenen Garten oder auf dem Balkon wer keinen hat, etwas zum Artenschutz beitragen. Wie das geht, findet ihr im dazugehörigen Klimabrief zum Artenschutz ebenfalls auf dieser Seite.

 

Man kann sich also entweder seiner vermeintlichen Hilflosigkeit ergeben und sich von den rechten Menschenfeinden aufhetzen lassen, sich von einer trügerischen Bewahrung von Gestrigem, das aber vergangen ist, einlullen lassen oder man glaubt weiterhin an eine Zukunft. Womöglich nicht besser als das was wir kennen, aber wenn es denn gelänge eine Verschlimmerung zu verhindern, wäre doch wirklich schon viel gewonnen.

 

Es gibt Angebote für eine gute Zukunft, man darf diese auch gerne annehmen! Auch von meiner Partei, das sei natürlich dazu gesagt 😉

Nicht zukunftsfähig sind diejenigen ohne ein zukunftsfähiges Angebot, diejenigen die außer Hass und Angst keine Botschaft haben.

 

Leider ist es zu spät für „Wehret den Anfängen“. Wir können nur noch aufrufen zu „Wehret dem Fortschreiten“. Das tun wir aber mit aller Vehemenz und einem Appell an diejenigen Menschen mit Interesse an einer lebenswerten Zukunft, mit Unterstellung dass diese Menschen immer noch die Mehrheit bilden. Es ist spät, das ja. Zu spät ist es nie!

 

Diesen Artikel möchte ich meinem besten Freund Thomas Backöfer widmen. Er war ein aufrechter Antifaschist, ein intelligenter,  hilfsbereiter und freundlicher Mensch, der seine ganze Kraft in seine Arbeit steckte, Physiotherapie für Patienten auf der Intensivstation. Mein Freund „Backy“ war eines der vielen tausend Opfer dieses Hitzesommers.