Menschen die zu Fuß gehen sind schutzlos. Sie haben keine Blechhülle, keinen Helm, keine Hupe oder Klingel. Sie bewegen sich leise, platzsparend, emissionsfrei und langsam.
In Deutschland und somit auch in Reichelsheim gilt aber das Recht des Stärkeren, des Schnelleren und des Lauteren.
Meldungen wie „Radfahrerin angefahren“ (Reichelsheim), „Kind fast überfahren“ (ebenda) oder eben gesammelt aus Deutschland wie „Fußgänger wird in Berlin-Mitte von Auto überrollt und stirbt“, „Fußgänger wird von Linienbus in Leipzig erfasst und stirbt“, „Fußgängerinnen getötet – Polizei geht nicht von Vorsatz aus“, „Seniorin stürzt an Ampel und wird von Bus überrollt – Frau tot“ (alle Spiegel online) zeigen eine Wortwahl die klingt, als ob die Menschen von selbst vor, an oder unter die sich quasi von selbst bewegenden Fahrzeuge geraten sind, als ob diese Dinge einfach so passieren und ein paar Tonnen Blech ein paar Kilo Mensch plattmachen. Physik eben. Blöd halt.
Die Statistik zeigt, dass Fußgänger die einzigen Verkehrsteilnehmer sind, bei denen die Zahl der tödlich Verunglückten steigt.
Im Durchschnitt stirbt also jeden Tag mehr als ein Mensch an einer Kreuzung, an einer stark befahrenen Straße oder auch nur an einer schlecht beleuchteten; eine Mutter, Schwester, Enkeltochter, ein Opa, Vater, ein Kind (Statistisches Bundesamt).
Es ist ein wenig paradox: Jahrzehntelang galt das Mantra der autogerechten Stadt, in der vor allem „der Verkehr fließen muss“ (Zitat jüngere Reichelsheimer Politik).
Alle anderen Verkehrsteilnehmer haben sich dem unterzuordnen und tun das natürlich auch.
Aber in einer lebenswerten Stadt werden Fußgänger fast immer vergessen.
Debatten gibt es über Parkplätze, die verschwinden sollen oder das eben nicht, neue Fahrradwege oder vorhandene die ausgebaut werden müssten, über den öffentlichen Nahverkehr, der vernbessert werden muss.
Nicht gesprochen wird über die Bedürfnisse von Fußgängern. Darüber, dass sie im öffentlichen Raum auch ihren Platz brauchen. Im Kampf um 30km/h Zonen werden gerne die vergessen, die in Schrittgeschwindigkeit unterwegs sind.
Denn dass diese häufig übersehen werden und bisweilen gefährlich leben, dafür braucht es eigentlich keine drastische Statistik, das lässt sich auch so jeden Tag beobachten: Schulkinder, die von einem heranrauschenden Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig übel geschnitten werden, ältere Frauen, die sich mit ihrem Rollator irgendwie auf die andere Seite retten, Parkplätze auf Gehwegen und „Zu-verschenken“-Kisten die ohnehin zu enge Bürgersteige zusätzlich verschmälern…
Der geflügelte Satz „Fußgänger haben keine Lobby“ zeigt sich ja auch in den Mitgliedszahlen der Verkehrsverbände. Der ADAC hat etwa 20 Millionen Mitglieder. Der ADFC, die Interessenvertretung für Fahrradfahrer: 230 000. Fuss e. V., der sich für die Belange des, wie es so schön heißt, „Fußverkehrs“, einsetzt: um die tausend.
Jeder weiß die Menschen sind zu dick, sind zu krank, bewegen sich zuwenig. Dennoch scheint es unglaublich schwer für Menschen und die Politik, hier einfach mal eins und eins zusammenzubringen.
Am Fußverkehr hängen keine Industrien und damit auch keine Arbeitsplätze und Interessen, die vertreten werden müssten. Dazu kommt aber eine andere Tatsache: Überproportional viele Kinder und Senioren sind zu Fuß unterwegs. Eher Frauen als Männer und eher Arme als Reiche.
Man könnte auch sagen: Es gehen vor allem die Schwächeren einer Gesellschaft zu Fuß. Die, die sowieso schon zu wenig Gehör finden. Die Debatte um die Zukunft der Mobilität wird geführt und geprägt von überwiegend „mittelalten, gut ausgebildeten, gut verdienenden Männern“ und die Wortführer nehmen die Welt eben tendenziell eingeschränkt aus der Windschutzscheibenperspektive wahr.
Es ist wirklich verwunderlich, dass die natürlichste und gesündeste Fortbewegungsart nicht interessiert, sondern zum Verkehr anscheinend nur gehört was rollt. Wer zu Fuß geht, wird übersehen. „Es gibt im überregulierten Deutschland 32 Varianten des „Verkehrszeichen 315“, mit dem in Ausnahmefällen das Parken auf einem Gehweg erlaubt wird – aber bis heute keine in der Straßenverkehrsordnung verankerte Definition, was „Schrittgeschwindigkeit“ bedeutet“ (SZ).
Gehen ist wie Atmen ein natürliches Bedürfnis, über das man im Allgemeinen nicht nachdenkt. So sieht man sich weder als Atmer noch als Geher, eben weil es so natürlich ist. Man macht es einfach. Warum soll man sich also damit beschäftigen, bzw. warum sollte man sich dafür einsetzen?
Es geht ja gar nicht darum, aus einer autogerechten Stadt eine nur fahrradgerechte oder nur fußgängergerechte zu machen – sondern es braucht eine gleichberechtigte Stadt (Jan Gehl).
Eine, in der die Rechte aller Verkehrsteilnehmer angemessen berücksichtigt werden. Und, nur so ein Verdacht: In Deutschland (und besonders in Reichelsheim) scheint das ein wirklich schweres Unterfangen zu sein. Das mag an zu stark verinnerlichten Glaubenssätzen liegen („Freie Fahrt für freie Bürger“), an einer recht starren Straßenverkehrsordnung (oder in manchen Fällen einer willkürlichen Amtshandhabung).
Einige Städte oder Landkreise haben Fußgängerbeauftragte, die meisten Maßnahmen kosten nicht einmal Geld, machen aber eine Stadtgemeinschaft für alle lebenswerter.
Zum Beispiel gibt es in Österreich schon seit vielen Jahren einen „Masterplan Gehen“. Regelmäßig kürt der britische Economist die Stadt zu einer der lebenswertesten der Welt.
Was ist eine lebenswerte Stadt? Eine, die für alle da ist. Eine, in der man sich bewegen kann. Eine, in der man sich sicher fühlt, Kinder, Alte, Arme, Reiche, Männer, Frauen. Eine, in der man sich trifft, redet, plaudert.
„Wenn die Bewohner einer Stadt sich auf öffentlichen Plätzen begegnen, statt isoliert in ihrer Wohnung zu hocken, haben sie das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das Leben auf öffentlichen Plätzen ist wichtig für die soziale Gesundheit“ sagte einmal der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl. Und so trägt eine gerechte Stadt eben auch zur Demokratie bei, denn wer sich gesehen fühlt, hat weniger Groll.
Wie viel Raum und Wertschätzung man Fußgängern entgegenbringt, ist am Ende also nicht nur eine verkehrspolitische, sondern eine gesellschaftliche Frage: Wie gehen wir miteinander um? Wie viel Rücksicht nehmen wir? Haben wir die Schwächsten im Blick?
Nur etwa ein Fünftel der Strecken wird heute noch in Deutschland zu Fuß zurückgelegt. Das war mal anders. Zeit, dass wir alle wieder mehr auf die Straße gehen. Es ist gar nicht so schwer, man braucht nur zwei Beine. Auf geht’s!