Reichelsheimer Klimabrief: Igeln helfen in Zeiten des Klimawandels

Warum unsere Igel auf die Vorwarnstufe zur Roten Liste gesetzt werden und wie jeder von uns Igeln helfen kann

Viele werden sich an die schrecklichen Artikel in der Wetterauer Zeitung über das jahrelange Unwesen des Igelquälers erinnern. Und den Allermeisten ist es völlig fremd und vollkommen unverständlich, warum jemand so etwas tut. Möglicherweise haben sich einige von Euch ja auch einmal gefragt, was man eigentlich tun kann, um die kleinen Stacheltierchen da draußen zu unterstützen?

Weil es immer weniger Insekten gibt, finden sie nicht mehr genug Nahrung. Abgeriegelte Gärten gewähren den Igeln keinen Zutritt. Verstecke zum Nisten oder für den Winterschlaf sind ebenfalls Mangelware. Der Einsatz elektrischen Gartengeräts und chemischer Mittel setzt der Gesundheit zu.

Ganz zu schweigen vom Verkehr, der immer wieder Igelleben fordert, vor allem durch die immer weiter fortschreitende Zersiedelung der Landschaft.

Aus all diesen Gründen schlagen Tierschützer Alarm: Der Igel sei der große Verlierer von Klimawandel und zerschnittenen Landschaften. Anhaltende Trockenperioden und ungewöhnlich milde Winter beeinflussen Nahrungsquellen und Winterschlaf. Das bedeutet Stress für die Igel und verringert außerdem ihren Fortpflanzungserfolg.

Wenn sich nicht bald etwas ändere, gibt es in ein paar Jahren wahrscheinlich bei uns gar keine Igel mehr, sagen die Tierschützer. Bereits in den vergangenen Jahren wurden die Bestände des Braunbrustigels europaweit erheblich reduziert. Setzt sich dieser negative Trend fort, könnte der Igel bald als vom Aussterben bedroht eingestuft werden.

Zwar gibt es Menschen, die sich mit viel Herzblut um abgemagerte, verletzte und kranke Exemplare kümmern. Doch die Hilfsbedürftigkeit der Igel nimmt stetig zu. Deswegen sind all jene, die sich engagieren, inzwischen heillos überlastet. In Bad Nauheim beispielsweise gibt es den ‚Igelvadder Lucius‘. Spenden können beim Fressnapf in Bad Nauheim hinter dem großen Rewe beim Biomarkt abgegeben werden. Die Mitarbeiter dort geben sehr gern auch weitere Informationen.

Die nachtaktiven Igel sind Insekten-, also Fleischfresser. Wenn die Dämmerung einsetzt, begeben sie sich auf die Jagd. Sie vertilgen hauptsächlich Käfer, Engerlinge, Raupen und Larven, hinzu kommen Maden, Ohrwürmer und Asseln, zur Not auch Regenwürmer und Schnecken. Dass diese die Hauptnahrung des Igels seien, ist ein weitverbreiteter Irrglaube.

Beim Igelvadder und in anderen Igelpflegstellen findet sich vorwiegend Katzenfutter auf dem Speiseplan, in nasser sowie trockener Form. Obendrein gibt es gefriergetrocknete Insekten, lauter Larven der Soldatenfliege, die sind sehr proteinhaltig und deshalb gesund. Dazu sind die vergleichsweise großen Larven für den Igel eine Delikatesse.

Damit die Igel eine echte Chance haben, den Winter zu überleben, müssen sie sich vor dem langen Schlaf eine Speckschicht anfressen. Das gelingt in den aufgeräumten Kulturlandschaften der industriellen Landwirtschaft jedoch leider vielen Tieren nicht mehr. Deswegen sei es wichtig, dass die Menschen Futter bereitstellten, besonders im Herbst und im Frühjahr. Manche Igel sind nämlich dann nach dem Winterschlaf fast schon verhungert.

Geeignet ist hochwertiges Katzenfutter mit möglichst hohem Fleischanteil, ohne Getreide und Zucker, ohne Soße oder Gelee. Auf keinen Fall darf Obst, Nüsse oder Getreide gefüttert werden. Vogelfutter ist also nicht geeignet. Auch Milch, also Laktose, vertragen Igel nicht, das kann sogar zum Tod führen. Bei rohen Eiern ist wegen Salmonellen Vorsicht geboten, Rührei aber zählt zu den Leibspeisen.

Doch wie verhindert man, dass sich Katzen, Marder oder andere Tiere am Igelnäpfchen im Garten bedienen? Ganz einfach: mittels eines speziellen Futterhauses das selbst gebaut werden kann. Eine Anleitung und Vorschläge dazu finden sich auf der Webseite des NABU, unten verlinkt.

Je später im Jahr es ist, desto schwerer sollte ein Igel sein. Der Bund Naturschutz schreibt etwa, ein im Spätherbst aufgefundenes Jungtier unter 600 Gramm und ausgewachsene Igel unter 900 Gramm benötigen Hilfe und sollten einer Pflegestelle vorgestellt werden. Also im Zweifel Einmalhandschuhe und Küchenwaage zur Hand nehmen und das Gewicht des Tieres überprüfen. Auch Igel, die zu dieser Jahreszeit tagsüber unterwegs sind, haben höchstwahrscheinlich ein Problem. Sprich: großen Hunger und/oder noch kein Versteck.

Woran es bei den kranken Igeln hapert, können Fachleute oft an Kotproben unter dem Mikroskop erkennen.

Die Igel sind durch Futter- und Schlafmangel immungeschwächt und erkranken so vermehrt an Parasiten, die einen gesunden Igel gar nicht so schwächen könnten, wie zum Beispiel Darmhaarwürmern, Pilzerkrankungen und Weitere. Pilzerkrankungen können zum Ausfall der Stacheln führen, zu Husten etc.

Es ist besonders putzig, wenn man Igel im eigenen Garten überwintert, denn Igel sind sehr pünktlich. Wenn man immer abends um die gleiche Uhrzeit Futter an derselben Stelle platziert, warten die Igel nach ein paar Tagen bereits empört, wenn man sich nur um wenige Minuten verspätet. Bedenken sollte man , dass Igel oft Flöhe haben und diese natürlich die eigenen Haustiere bekommen können. Dagegen helfen natürlich die üblichen Mittel die Hund und Katz‘ bei den meisten Leuten ohnehin bekommen, also Spot-on, Bravecto und Ähnliche, zudem sollten Hund und Katz‘ natürlich sowieso nicht mit den Igeln spielen. Igel können mit Flohspray behandelt werden, das geeignete Mittel und dessen Anwendung kann man ebenfalls beim Fressnapf in Bad Nauheim erfragen. Keinesfalls einfach irgendwas in irgendeiner Dosierung benutzen, denn wie bei Hund und Katz‘ eben auch, sind das Zusammenspiel von Wirkstoff und Gewicht zielführend, andere Anwendung schadet dem Igel womöglich.

Hat man Igel im Garten und füttert sie, bevor sie sich zum Schlafen zurückziehen, kann man sie oft richtig kennen- und sogar unterscheiden lernen, denn die Charaktere sind wie bei allen anderen Lebewesen auch recht unterschiedlich: Manche sind sehr neugierig und verfressen, andere eher ängstlich oder abwehrend. Das Stachelkleid übrigens ist auch nicht bei jedem Exemplar gleich. Es kann hart sein oder eher weich, in eine Richtung stehen oder wild durcheinander. Deswegen lassen sich manche Igel besser anfassen als andere, aber fast alle halten still, wenn man sie in der Hand hält.

Gut ist es, wenn man einen Igel gefunden hat, diesen von einem Experten ansehen zu lassen, eben damit man weiß, ist er krank, was hat er oder ist er ’nur‘ untergewichtig usw. Wenn man dann Bescheid weiß, kann man richtig mit den Igeln umgehen und so ein Überwinterungsprojekt kann der ganzen Familie Spaß machen und Kindern die Wichtigkeit von Natur- und Artenschutz ‚am lebenden Objekt‘ zeigen.

Um den Igeln langfristig zu helfen, sind jedoch andere Dinge wichtig, allem voran naturnahe Gärten. Igel brauchen Trinkwasserstellen, heimische Blühpflanzen, Unkraut, alte Obstbäume, dichte Hecken und Büsche. Liegengebliebenes Laub und Totholz ziehen nicht nur Insekten an, sondern bieten den Igeln auch geeignete Versteckmöglichkeiten

Wichtig für eine ausgedehnte, erfolgreiche Futtersuche sind auch Gartenzäune, die nicht bis zum Boden reichen oder anderweitig Durchschlupf bieten. Ein Loch mit elf Zentimetern Durchmesser ist ausreichend. Wer ein geeignetes Grundstück für die Auswilderung gesunder Igel anbieten möchte, kann sich beim NABU melden.

Auch bei der Gartenarbeit ist Vorsicht geboten. Mit Motorsensen sollte man nicht unter Hecken und Büschen mähen, ohne diese vorher zu kontrollieren. Möglicherweise dort schlafende Igel vertreibt allein der Lärm nämlich nicht. Auch Mähroboter sind eine Gefahr: Studien zeigen, dass derzeit kein einziges Modell in der Lage ist, Tiere zu erkennen und zu umfahren. In den Pflegestellen häufen sich jedenfalls die verletzten Igel. Denn gegen solche Gegner helfen nicht einmal die spitzesten Stacheln.

Links zum Thema:

Mission Grün: Episode 2 – Igelhaus bauen – NABU

Igelschutz im Garten – NABU

Bad Nauheimer Otto Luzius schlägt Alarm: Die Igel haben Hunger (fnp.de)

Tierbedarf & Tiernahrung | Fressnapf Bad Nauheim