Ein langgehegter Verdacht hat sich nun eindrücklich bestätigt. Nachdem schon lange sichergestellt ist, dass Pestizide das Artensterben beschleunigen, ein Klimabrief berichtete dazu bereits, zeigten nun Wissenschaftler in Großbritannien, wie auch Düngemittel einen großen Teil dazu beitragen.
Die University of Sussex and Rothamsted hat mittels der bislang längsten laufenden ökologische Studie nachgewiesen, dass die Nutzung von Düngemitteln wie Stickstoff, Kalium und Phosphor die Zahl bestäubender Insekten insgesamt mehr als halbiert. Auf entsprechend behandelten Flächen wachsen weniger als 20% der eigentlich dort heimisch vorkommenden Wildblumen und –kräuter.
Eine wirklich drastische Reduzierung.
Der Einsatz von Stickstoff, Kalium und Phosphor auf landwirtschaftlich genutzten Grasflächen führt also zu tiefgreifender Verarmung von Blühpflanzen und bestäubenden Insekten.
Die genannte Studie wurde durchgeführt in Rothamsted, Hertfordshire und läuft bereits seit 1856 durchgehend. Auf den britischen Inseln liegt der Durchschnittsverbrauch an Düngemitteln auf Grasland bei 100kg pro Hektar, durchaus vergleichbar mit Deutschland.
Durch den massiven Düngemitteleinsatz am stärksten betroffen waren durchweg alle Bienenarten. Auf vergleichbaren unbehandelten und chemiefreien Flächen konnten diese bis zu neunmal öfter angetroffen werden, wie weiterführend zur Studie im Journal Biodiversity veröffentlicht wurde.
Ein führender Wissenschaftler der Sussex University, Dr. Nicholas Balfour, sagte dazu: „Gleichsam der eingesetzten Menge an Düngemitteln nimmt die Zahl der Bestäuber ab – ein solch direkter Zusammenhang wurde bislang in dieser Deutlichkeit nicht nachgewiesen. Die drastischen Auswirkungen dessen was nun bewiesen werden konnte, zeigen sich natürlich direkt innerhalb der Nahrungskette.“
Primär ist das darauf zurückzuführen, dass Düngemittel den Wuchs und die Verbreitung schnellwachsender Gräser befördern, welche ihrerseits wiederum dann die langsamer wachsenden Wildblumen und andere Gräser und Kräuter verdrängen. Es ist nun aber so, dass eine größere Diversität von Wildblumen eine größere Diversität an Bestäubern mitbringt.
In gesunden Ökosystemen sind Blumen und auch deren Bestäuber jeweils aufeinander spezialisiert. Wer wann blüht, wer wann schlüpft, wer wann wen bestäubt…
So verschwinden mit den Blumen ergo auch deren Bestäuber und mitsamt diesen wieder ein weiteres Puzzleteil aus dem Nahrungsnetz, welches ja in letzter Konsequenz auch das Überleben der Menschen sichert.
Die Wissenschaftler untersuchten auch, wieviel Heu denn auf solchen Flächen durchschnittlich geerntet werden kann.
Die Produktivität der Flächen wurde ebenso vermessen wie die Anzahl der Wildblumen, der Bestäuber insgesamt und innerhalb derer wurden die verschiedenen Bienenarten, Schwebfliegen, Schmetterlinge, Wespen, Hummeln und Fliegen usw. bestimmt, um nur die Tagbestäuber zu nennen. Die untersuchten Flächen waren mit unterschiedlichen Düngemitteln behandelt worden.
Die Landflächen die mit Düngemitteleinsatz aus Stickstoff, Kalium, Phosphor etwa behandelt wurden, zeigten nur etwa die Hälfte der bestäubenden Insekten und nur rund 20% der zu erwartenden Wildblumen einer gleichen Fläche, die nicht behandelt wurde.
Am auffälligsten waren Ergebnisse auf mit Stickstoff behandelten Flächen, also das gängiste aller eingesetzten Düngemittel. Wissenschaftler fanden auch heraus, dass Flächen auf die ein Düngemix ohne Stickstoff aufgebracht wurde wiederum eine erhöhte Zahl von Wildblumen und Bestäuberarten zeigten.
Bei Researchgate veröffentlichten nun Steffen Boch et. al. einen Versuch aus dem Kanton Wallis, dass einerseits bereits nach 5 Jahren Düngung eine Fläche deutlich verarmt und die Arten sich stark reduziert zeigten. Zum anderen wies die Studie aber ebenfalls nach, dass der maximal erreichbare Heuertrag bereits mit wesentlich weniger Einsatz von Düngemitteln erzielt wird.
Fast alle Grasflächen werden zu einem gewissen Prozentsatz gedüngt. Es ist also nicht einmal notwendig Insektengift einzusetzen, um Insekten zu reduzieren. Durch übermäßige Düngung wird ihnen ja bereits die Lebensgrundlage entzogen und ohne Insekten somit eben auch uns Menschen.
(Anmerkung: Leider wird Boden allzuoft einfach wie eine Halde genutzt, um Dinge (wie etwa Gülle aus Massentierhaltung) einfach loszuwerden. Den Preis zahlen die Verbraucher mit steigenden Trinkwasserpreisen, oder gar, wie in Rastatt oder Altötting, sogar mit Vergiftungen. Dort wurden Industrieabfälle auf die Felder als Düngemittel verbracht. Der Boden und somit das Trinkwasser dort, sind nun mit PFAS, sog. Ewigkeitschemikalien, verseucht.)
In den vergangenen Jahren hat der Verbrauch an Düngemitteln weiter zugenommen, etwa auch in dem Maße, wie die Bodenfruchtbarkeit abgenommen hat (aber Boden und Bodenlebewesen, die Fruchtbarkeit erst überhaupt möglich machen, haben wir bereits als Thema behandelt, da lohnt es sich also den Klimabrief zu Bodennutzung erneut zu lesen).
So dünn die für uns lebensnotwendige atmosphärische Schicht der Erde, ebenso dünn ist die Krume des Bodens und die darin und darauf herumschwirrenden und kriechenden Tierchen, die Nahrungsnetze grundlegend überhaupt erst ermöglichen.
27 Jahre lang wurden Schutzgebiete in Deutschland untersucht und die Ergebnisse sind erschreckend: Mehr als 75 Prozent weniger Biomasse bei Fluginsekten, wie durch die „Krefelder Studie“ nachgewiesen wurde. Es stellt sich daher nicht mehr die Frage, ob die Insektenwelt in Schwierigkeiten steckt, sondern wie das Insektensterben noch zu stoppen ist.
Durch die Studie der Wissenschaftler der University of Sussex and Rothamsted konnte nicht abschließend geklärt werden, wie groß der Einfluss durch die intensive Landwirtschaft auf den Zustand der Insektenwelt tatsächlich ist. Ein Hinweis, dass die Wahrscheinlichkeit hierfür sehr groß ist, liefert uns die Studie dennoch. Bei den Untersuchungsflächen weisen nämlich 90 Prozent der Standorte im Umfeld intensive Landwirtschaft auf. Damit sind diese Standorte ganz typisch für Schutzgebiete der heutigen Kulturlandschaft Deutschlands.
Etwa 60 Prozent aller Naturschutzgebiete sind hierzulande kleiner als 50 Hektar. Diese Gebiete werden durch solche Insellagen und lange Außengrenzen stark von ihrer Umgebung beeinflusst – äußere Einflüsse, wie der Eintrag von Pestiziden oder Nährstoffen (Eutrophierung durch Dünger, Gülle usw.) können nicht ausreichend abgepuffert werden. So liegt es nahe, dass durch Praktiken der intensiven Landwirtschaft der Erhaltungszustand vieler Schutzgebiete massiv beeinträchtigt wird – und damit auch der von Insekten.
Durch die Untersuchungen konnten zusätzliche potentielle Ursachen in die Bewertung des Datenbestandes aufgenommen werden. So wurden die täglichen Klimadaten von 1989 bis 2016 von über 160 Wetterstationen im Umfeld der Standorte sowie Luftbilder und Vegetationsaufnahmen der Biotope während der jeweiligen Untersuchungsperioden ausgewertet. Weder die Klimadaten, noch Änderungen der Biotopmerkmale konnten nach der statistischen Bewertung den größten Teil der Verluste erklären.
Der Rückgang bei Fluginsekten in Schutzgebieten wurde als Trend über alle untersuchten Standorte hinweg erkannt. Dieser Verlust ist nicht spezifisch für bestimmte Biotoptypen, er betrifft vielmehr das gesamte Offenland.
Die Verluste in der Sommerperiode sind höher, da die Insektenbiomasse in diesen Monaten am höchsten ist. Die Ergebnisse bestätigen auch, dass die bekannten Rückgänge von Artengruppen wie Schmetterlingen, Wildbienen und Nachtfaltern exakt einhergehen mit den drastischen Biomasseverlusten bei Fluginsekten. Dies betrifft nicht nur seltene und gefährdete Arten, sondern die gesamte Welt der Insekten.
Der Klimawandel trägt das Seine dazu bei, den ohnehin geschwächten Insektenarten eventuell noch den Rest zu geben. Der fehlende Frost, die frühen Blüten, die dann wieder erfrieren im Frühling, falls die übermäßigen Regengüsse nicht bereits ohnehin den Nektar und die Pollen weggewaschen haben und den Insekten so die Nahrungs- und somit die Bestäubungsgrundlage nehmen.
Natürlich wird bei „agrar online“ dem Wetter allein die Schuld für das Insektensterben gegeben. Es kann ja auch nicht sein, was nicht sein darf. Und Multikausalitäten, hier nun mal alle menschgemacht, sind komplex und somit schwerer zu begreifen und nicht einfach über einen Bildzeitungskamm zu scheren. Leider ist dies aber traurige Realität und da wir den menschgemachten Klimawandel nicht von Jahr zu Jahr ändern können, sollten wir darüber nachdenken, ob es wirklich so viel Dünger und Pflanzengifte braucht, wie sie derzeit auf unseren Böden ausgebracht werden.
Hoffen wir, dass auch bei uns in der Wetterau die Zeichen der Zeit erkannt werden. Derzeit bekommen solche Menschen ja noch den Wetterauer Umweltpreis verliehen.
Und in der Klimakommune Reichelsheim werden Bäume für Parkplätze gefällt, da diese Bäume „die Außenanlage verkorksen“, Zitat aus dem Rathaus.
O tempora, o mores.