Klimabrief Januar 2025

Was hat große orange Zähne, einen flachen Schwanz und sieht aus wie ein watschelnder, braun behaarter Klops? Richtig, die nächste große Gefahr! Der Biber schwimmt gerade dem Wolf den Rang als Debattenliebling ab.

Biber bevorzugen kleinere Bäche und Feuchtgebiete, um ihre Burgen zu bauen. Die wichtigste Regel dabei: Der Eingang muss stets unter Wasser sein, das Wohnzimmer stets trocken. Dafür sind die Tiere auf konstante Wasserhöhen angewiesen und bauen darum fleißig Dämme.

 

Vor hunderten Jahren schon ist der Biber in Europa fast ausgerottet worden. Es wird unter anderem fälschlich argumentiert, dass ihre Dämme Fische an der Migration hinderten, mancher Landwirt denkt er konkurriere mit dem Biber um Uferland, um nur zwei vorgebliche Gründe zu nennen. In den Dürresommern nun zeigte sich aber wieder, welche Vorteile Biber für das Ökosystem haben.

Wie auch der Weißstorch, der seit einigen Jahren wieder bei uns ansässig ist, zeigt auch der Biber, dass manche Naturzerstörung in Teilen wieder gutzumachen ist. Biber sind eine sogenannte „Schlüsselspezies“, denn sie erschaffen Feuchtgebiete, wo sich wiederum andere Arten wie Vögel und Insekten oder auch der Fischotter, der in den durch Biberdämme gestauten Flussläufen seinen Lebensraum hat, wieder ansiedeln können.

Durch Biberdämme gestaute Wasserläufe reduzieren im Gebiet Hochwasserrisiken und bieten durch die Retention auch Schutz vor Dürre.

Biber sind also ein wichtiger Grundstein in der Wiederherstellung von Ökosystemen.

 

Zeigen sich Biber an Flüssen, sind Kundige hocherfreut, denn der haarige Wasserbauingenieur mit den scharfen Zähnen unterstützt sie kostenlos bei der Renaturierung. Wenn der Biber Moorflächen unter Wasser setzt, hilft das gegen den Klimawandel. Schon seine Dämme wimmeln von kleinem Getier, und in den Tümpeln und feuchten Wiesen fühlen sich Molche und Frösche, Libellen, Wasserkäfer, Brachvogel, Fischotter und Storch wohl. Das Leben kehrt also insgesamt zurück.

 

Aber auf landwirtschaftlichen Flächen macht der Biber den Bauern mehr Ärger als Freude. Wenn er sie unter Wasser setzt, sodass sie nicht mehr befahren werden können (Randbemerkung: Oft sind die Böden durch die schweren Maschinen bereits so kaputtgefahren, dass eine Versickerung ohnehin nicht möglich ist und der Landwirt greift dann zu noch größeren Maschinen, noch mehr Dünger, noch mehr Pestiziden. Ein unguter Kreislauf, das sollte wirklich jedem klar sein). Oder wenn der Biber sich mit jungem Mais den Bauch vollschlägt. Kein Wunder also, dass viele den Biber loswerden wollen.

 

Die Welt der Biber ist verändert wie nie zuvor: Flüsse und Bäche wurden begradigt, vielerorts sind Wasserkraftwerke errichtet worden. Die Bevölkerung ist stark gewachsen, immer mehr Fläche wird zugebaut. Und die Bauern, die Tausende Jahre mit der Natur gearbeitet hatten und so die Kulturlandschaft mit ihren vielen Arten erst geschaffen haben, änderten ihre Arbeitsweise drastisch. In den vergangenen 70, 80 Jahren wurden aus bäuerlichen Familienbetrieben mit viel Handarbeit solche mit großen, schweren Maschinen. Mit viel Dünger und großem Einsatz von Giften wurden Rekordernten eingefahren. Auch Moorstandorte und Feuchtgebiete, die früher nur beweidet oder einmal pro Jahr gemäht wurden, werden nun beackert.

 

Die Folgen all dessen sind bekannt: 98 Prozent der Blühwiesen sind verloren, 95 Prozent der Moore trockengelegt, viele Tier- und Pflanzenarten verschwinden oder sind bereits ausgestorben bei uns. Dürrezeiten wechseln sich mit Hochwassern ab. Die Ernten werden schlechter. Eigentlich ist offensichtlich, dass wir als Menschheit so nicht weitermachen können, sondern der Natur, etwa dem Biber, wieder mehr Raum geben müssen. Das ist oft schmerzhaft, besonders für die Landwirte. Sie brauchen in diesem Prozess Unterstützung, denn sie handeln ja nicht aus Böswilligkeit, sondern aus systemisch bedingter wirtschaftlicher Notwendigkeit. Statt an Anbaumethoden festzuhalten, die erkennbar nicht mehr funktionieren, die den Boden auslaugen, sodass seine Fruchtbarkeit sinkt, braucht es sinnvolle Alternativen, die den Bauern und ihren Familien ein gutes Einkommen sichern.

 

Doch nun wird der Biber, wie zuvor schon Wolf und Saatkrähe, zum Sündenbock gemacht. Das lenkt ab von den eigentlichen Problemen. Gelöst werden sie so nicht.

 

Die Humboldt-Universität Berlin nennt „Schadbiber“ daher „Notfallbiber“. Es gebe einfach zu wenige optimale Habitate. Die positiven Effekte balancieren aber jegliche Negativeffekte hundertfach aus, so Dörte Tetzlaff von der Humboldt Universität. Mit ihren Dämmen sorgen die Biber schließlich dafür, Fluten abzumildern. Bei großen Starkregenfällen halten sie durch ihre Bauwerke viel Wasser zurück in den aufgestauten Feuchtgebieten. Sie verzögern also den Gesamtabfluss ins Hinterland.

In Deutschland sind mehr Moore und Feuchtgebiete trockengelegt worden als in jedem anderen Land in Europa. Langsam beginnt man nun damit, einige Gebiete zu renaturieren. Der Biber ist dafür ein wahrer Bioingenieur. Biberdämme sind um Welten effektiver als menschliche Maßnahmen. Und wenn selbst das in Zeiten des Fachkräftemangels nicht für eine Ehrenrettung reicht: Mit den steigenden Biberpopulationen verbessert sich auch die Biodiversität und die Wasserqualität in den Flüssen. Biberdämme bilden Tümpel, die wiederum für sie selbst und viele andere Tierarten Schutz vor Räubern bieten. Die Tümpel sind selbst Lebensraum vieler Arten des Nahrungsnetzes. Die entstehenden Feuchtgebiete filtern das Wasser, schützen vor Hochwasser, unterstützen die Grundwasserneubildung, stabilisieren Ökosysteme während Dürreperioden. Biber sind mehr als die Baumeister der Natur, sie sind Ökosystem Ingenieure.

 

Und wo wir bei Schlüsselspezies sind:

Wölfe, die von Populisten so gern als Probleme verkauft werden, schließlich ist eine verängstigte Bevölkerung williger ihre vermeintlichen Retter zu wählen, sind in Wahrheit lebensspendende Pfeiler gesunder Ökosysteme. Wölfe jagen nicht nur Rehwild, sondern verändern durch ihre pure Anwesenheit innerhalb eines Gebietes das Verhalten des Wildes. So können Bäume und Sträucher wieder wachsen, die Vögel und Insekten kehren zurück, mehr Nager und andere Tiere, die Verstecke benötigen siedeln sich wieder an, die Biodiversität steigt an und somit komplettieren sich nach und nach wieder die Nahrungsnetze, auf die Alle (ja, auch wir Menschen letztendlich) angewiesen sind.

Wölfe verändern so etwa auch Flussläufe, indem durch Reduzierung und Verhaltensänderung von Rehwild die Flussläufe wieder bewachsen werden können, siedeln sich Biber an und die Natur nimmt ihren Lauf, wenn der Mensch sie lässt.

Ein Fehler ist es zu glauben, man könne eine Natur schaffen, ohne diejenigen Teile der Natur, die man als Mensch, aus welcherlei Gründen auch immer, missliebig findet.

 

Natur braucht alle ihre Teile, um ein intaktes Ökosystem mit intakten Nahrungsnetzen zu bilden. Als Menschen müssen wir akzeptieren, dass wir ein Teil des Natur sind und nur als Teil der Natur eine Überlebenschance haben.

Die Reichelsheimer Grünen wünschen ein gesundes und friedliches neues Jahr!